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Wann arbeitest du wieder richtig? Umgang mit dummen Sprüchen für Homeworker

Umgang mit dummen Sprüchen im Home-Office
  • „Wann arbeitest du wieder richtig?“
  • „Arbeitest du heute, oder bist du zu Hause?“
  • „Dein Leben möchte ich haben … den ganzen Tag zu Hause und nix tun.“

Es gibt sie in allen Lebenslagen, diese dummen Sprüche:

  • Wenn du Kinder hast und berufstätig bist. („Wozu hast du dann Kinder bekommen?„)
  • Wenn du keine Kinder hast („Wer zahlt einmal deine Pension?„)
  • Wenn du viele Kinder hast („Sonst kein Hobby?„)
  • Wenn du viel arbeitest („Das ist doch kein Leben!„)
  • Wenn du wenig arbeitest („Na wenn du dir das leisten kannst …„)
  • Wenn du selbständig bist („Was, dafür zahlt jemand?„)
  • Wenn du LehrerIn bist („Dir geht’s gut, so viel Freizeit!„)
  • Liste unendlich erweiterbar …

Du siehst: Egal, was du machst – oder nicht machst – es ist nicht richtig.

Korrektur: Es ist nicht richtig für alle …

Inzwischen kratzt es mich nicht mehr, sollte ich solche Sprüche zu hören bekommen. Das war aber nicht immer so, das muss ich schon zugeben.

Das und eine Diskussion darüber in meiner Facebook-Gruppe bringt mich auch dazu, einmal darüber nachzudenken, was sich in den 20 Jahren meiner Homeoffice-Karriere verändert hat. Denn zu Beginn und mitten drin war ich auch darin gefangen – in der Rechtfertigungsfalle.

Und keine Angst, wenn du dich jetzt noch über diese Aussagen ärgerst oder kränkst. Du wirst keine 20 Jahre brauchen, um das zu verändern 😉

Woher kommt der „Angriff“?

Auch aus eigener Erfahrung denke ich, dass solche Sprüche besonders schmerzen, wenn sie aus der unmittelbaren Umgebung, vielleicht auch aus der Familie kommen. Das ist der Bereich, der dir besonders wichtig ist. Das sind die Menschen, die du „auf deiner Seite“ siehst, deren Anerkennung und Akzeptanz dir besonders viel bedeuten.

Doch oft höre ich auch, dass es ärgert und wütend macht, wenn das von ehemaligen ArbeitskollegInnen, Bekannten oder z.B. den Müttern/Vätern von Schulkollegen oder Kindergartenfreunden der eigenen Kindern kommt.

Kommt diese Frage aus dem engsten Kreis, stehen meist andere Motive dahinter, als aus weiter entfernten Kreisen, aber das schauen wir uns später noch an.

Ist es überhaupt ein „Angriff“?

Ja, auch der Ton macht die Musik.

Und natürlich können solche dummen Sprüche sofort als Angriff gewertet werden.

Wenn du dich angreifbar fühlst.

Denn damit machst du dich auch angreifbar. Das Gegenüber spürt sofort, wenn du selbst dir nicht sicher bist. Über den Wert deiner Arbeit, über deine Außenwirkung oder auch über deinen „Erfolg“ mit dem, was du tust.

Was möchtest du mit einer Antwort darauf bezwecken?

Was ist der erste Impuls in dir, wenn du hörst: „Du hast ein Leben wie ein junger Hund!„?

Ich schätze, dein üblicher Tagesablauf zieht an deinem inneren Auge an dir vorbei. Die Zerrissenheit, die du oft spürst, wenn du nicht weißt, was du zuerst anpacken sollst. Die Anstrengung, im Homeoffice auszublenden, was rund um dich an Chaos noch nach der „Arbeit“ wartet. Das schlechte Gewissen deinen Kindern gegenüber, wenn du versuchst, nebenbei auch noch deine Arbeit hinzubekommen. Der generelle Kampf gegen viele Windmühlen, die sich im Homeoffice drehen.

– Du willst erzählen?

In der letzten Blogparade wurde von vielen festgestellt, dass es ein einsames Arbeiten ist.

Der Klatsch in der Kaffeeküche mit den KollegInnen wurde am meisten vermisst. Allerdings nur in der Kaffeeküche, sonst eher nicht ;-).

Worauf ich hinaus will:

Möchtest du gefragt werden, wie es dir im Home-Office geht? Was du so den ganzen Tag machst, worüber du dich freust, woran du Spaß hast? Wenn du mit dieser Erwartungshaltung in einem Gespräch bist, tut ein Angriff wie oben beschrieben weh. Das ist klar.

Was würde passieren, wenn du darauf mit einer kleinen, positiven Story aus deinem Alltag antworten würdest?

– Du willst erklären?

Der Mensch ist ein Rudeltier.

Anerkennung ist eine der höchst erstrebenswerten Emotionen, die uns geschenkt werden kann! Anerkannt kann aber nur etwas werden, das dem Gegenüber bekannt ist. So ist es sehr verständlich, dass du z.B. deiner Familie gerne erklären möchtest, was du genau tust.

Beginne nicht erst bei so einem Angriff zu erklären, was du tust! Immer wieder einmal eine kleine Portion weitergegeben an das Gegenüber, kann Wunder wirken – und Angriffe im Keim ersticken.

– Du willst dich rechtfertigen?

Ich bin es leid, mich immer rechtfertigen zu müssen …

Musst du?

Freund Duden wirft folgende Synonyme aus, wenn du den Begriff „Rechtfertigung“ eingibst:

Alibi, Ausrede, Begründung, Ehrenrettung, Entlastung, Entschuldigung, Verteidigung, Vorwand

Autsch.

Wofür zum Kuckuck sollte das gut sein? Wofür solltest du eine Entschuldigung vorbringen müssen/sollen/wollen?

  • Dass du dir mit deiner Arbeit einen Traum erfüllt hast?
  • Dass du zu Hause arbeitest, um deine Kinder betreuen zu können?
  • Dass du keine andere Möglichkeit gesehen hast?
  • Dass du tust was du tust?
  • Dass du so lebst, wie du möchtest?

Ganz eindeutig nein.

Keine Rechtfertigung!

Punkt.

Warum Rechtfertigungen nicht funktionieren

Egal ob dein Gegenüber die Synonyme dafür bewusst kennt oder nicht. Das Gefühl, dass sich jemand rechtfertigt löst schon innere Alarmglocken aus.

  • Der ist nicht echt
  • Da stimmt etwas nicht
  • Die lügt doch

Ich spiele den Ball an dich zurück, wenn du das Gefühl hast, dich für dein Home-Office oder deine Selbständigkeit rechtfertigen zu müssen:

  • Wie überzeugt bist du selbst von dem was du tust?
  • Wie überzeugt bist du von deiner eigenen Leistung?
  • Wie überzeugt bist du von deinem Erfolg (egal wie du ihn definierst)?
  • Wie sehr schätzt du deine Arbeit?
  • Wie wichtig bist du für dich selbst?
  • Ist dein Home-Office etwas, das du liebst, oder würdest du lieber wieder extern arbeiten?
  • Wie commitet bist du?

Jeder Zweifel und jede Unsicherheit kommt auch in deiner Umgebung an – und reizt zum Nachfragen. Ganz ohne Hintergedanken.

Meine Universalwaffe

„Wie meinst du das genau?“

Dieser Satz kann ein ziemlicher Stopper sein. Das hängt auch stark mit dem Tonfall zusammen, mit dem du ihn verwendest.

Ich finde diese Frage sehr praktisch, weil sich dadurch das Motiv für den „Angriff“ erkennen lässt.

Ist es nämlich wirklich nur eine plumpe Anmache, dann darf er gerne als Stopper funktionieren, denn dann möchte ich mich nicht darauf einlassen.

Ist es aber „patschertes“ (= ungeschicktes) Fragen, dann gibt diese Nachfrage durchaus Gelegenheit, das Gespräch in eine interessante Unterhaltung zu drehen.

Es ist für mich also eine Möglichkeit, das Motiv hinter dem „dummen Spruch“ zu ergründen.

Was können die Motive für diese Sprüche sein?

– Sorge

Ich gehe prinzipiell vom Besten aus. Naiv? Vielleicht.

Aber überleg‘ einmal: du tust etwas ganz anders als die meisten rundherum. Das macht eventuell deinem Gegenüber Angst. Weil es nicht einschätzbar, nicht nachvollziehbar ist. Somit kann Sorge um dein Wohlergehen dahinter stecken.

Sorge darüber, dass du dir zu viel zumutest. Krank wirst, im Alter ohne Absicherung dastehst – und alles, worüber „man“ sich noch so Sorgen machen kann.

Was mich gleich zum nächsten möglichen Motiv bringt:

– Bilder im Kopf

Je nachdem, wie du aufgewachsen bist und wie deine Eltern und Großeltern ihr Geld verdient haben. Je nachdem, wie sie mit Arbeit und Freizeit umgegangen sind.

War arbeiten immer nur etwas, um das Geld nach Hause zu bringen und die Familie zu ernähren? War es immer mit den Attributen „anstrengend, ärgerlich, mühsam, notwendiges Übel“ garniert?

Oder hattest du – so wie ich z.B. – das Glück mit Eltern aufgewachsen zu sein, die mit Leib und Seele ein eigenes Geschäft betrieben haben?

Dementsprechend haben sich Bilder im Kopf gebildet, in die wir das, was wir hören, gerne einordnen möchten. Eigentlich sogar einordnen müssen, um nicht die Orientierung in unserem Weltbild zu verlieren.

Mit deiner Art im Home-Office und/oder selbständig zu arbeiten sprengst du höchstwahrscheinlich alle vorhandenen Bilder. Nicht nur die deiner Eltern-Generation, auch Kinder bekommen in der Schule und durch die Familien ihrer Freunde ein anderes Bild von Arbeit.

Das soll keine Entschuldigung für doofe Sprüche sein. Aber in dem Moment, in dem du für dich mehrere Möglichkeiten hast, das einzuordnen (in DEINE Bilder zu sortieren), nimmt das Emotionen raus. Und das entspannt definitiv.

– Neugierde und Interesse

Ja, OK. Interesse könnte man besser ausdrücken als in den Beispielen, die ich am Anfang des Artikels gebracht habe. Trotzdem kommt es vor, dass durch Nachfragen „Wie meinst du das genau“ tolle Gespräche werden.

– Neid

Zuletzt die Neider. Diejenigen, die gerne auch im Home-Office arbeiten würden. Die gerne mehr Selbstbestimmung in ihrem Leben hätten und nicht wissen, wie sie es erreichen sollen.

Neid heißt nicht Missgunst!

Vielleicht hilft dir dieser Gedanke auch dabei, etwas weniger emotional zu reagieren.

Und nun? Nach 20 Jahren?

Ich schätze, es hat nichts damit zu tun, dass ich schon so lange im Home-Office arbeite. Bis heute weiß ich nicht, was sich meine Nachbarn und meine Post-Frau denken, dass ich fast immer zu Hause bin und ich denke meine Schwiegereltern wissen auch nicht genau, was ich tue 😉

Mein Mindset, meine Einstellung zu meiner Arbeit hat sich verändert.

Meine Selbständigkeit ist kein „Nebenbei“.
Mein 20-Stunden-Job ist kein „Nebenbei“.

Ich arbeite. Punkt!

Zuletzt die Frage an dich: Wie gehst du mit diesen Sprüchen und Fragen um? Hörst du so etwas überhaupt oder ist es etwas völlig Neues für dich? Schreib‘ mir doch bitte im Kommentar deine besten Strategien, um damit umzugehen – oder ganz zu vermeiden.

P.S. Bleib‘ neugierig!


6 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    vielen herzlichen Dank für deinen Artikel!
    In jeder einzelnen Fragen habe ich mich als „Befragte“ erkennen können *lach* … ich könnte noch ergänzen „Wieso du bist eh zuhause?“
    „Wie meinst du das genau und warte, ich schau auf den Kalender!“ sind mittlerweile auch meine Lieblings(gegen)fragen
    😉 dann lässt sich alles in aller Klarheit besprechen.

    Herzliche Grüße
    Katharina

  2. Hallo Claudia,

    Klasse Artikel. Es gibt viele, die auch bei einer „normalen“ Kommunikation denken, sich rechtfertigen zu müssen, obwohl es nicht einmal vom Gegenüber erwartet wird.
    Ich denke, der erste Schritt, um dieses Denken abzuschalten ist, sich in solchen Situationen erst einmal selbst zu fragen: „Muss ich mich überhaupt verteidigen?“.

    Bei „Angriffen“ sind Gegenfragen gut. Oftmals kommen diese aber nicht so spontan, wie man gern möchte. Manchmal möchte man auch einfach nur einen Haken dran machen, statt eine Kommunikation in dieser Richtung aufrecht zu erhalten. Da kann auch mal ein „Das frag ich mich auch manchmal“ oder eine schmunzelnde Zustimmung den Punkt setzen. 🙂

    Ich selbst arbeite ziemlich viel. „Das ist doch kein Leben“ habe ich bisher noch nicht gehört. Würde vielleicht sowas antworten wie „Für DICH! Ich liebe meine Arbeit und deswegen LEBE ich.“. Denn was „leben“ wirklich bedeutet, haben leider viele vergessen.

    Beste Grüße
    Steve

    • Vielen Dank, Steve! „Das frag‘ ich mich auch manchmal“ gefällt mir sehr, ist nicht so ein Stopper und humorvoller …

      Ich wünsch‘ dir weiter viel Spaß in deinem Leben 🙂

      Liebe Grüße,
      Claudia

  3. Liebe Claudia,

    welch feiner Beitrag! Du sezierst auf wohlwollende Art die Reaktionen und den Umgang der ‚Anderen“. Und den von uns Homeoffice’lern. Manchmal gluckste es in meinem Magen, so amüsiert war ich.

    Deine Anregung mit den Gegenfragen ist ja ein Lebensrezept. Wie ich mit den Statements umgehe? Ich atme sie weg. Manchmal frage ich nach, wenn es mich wirklich interessiert. Und neulich hat die Falle zugeschnappt und ich bin bockig geworden. Auch das passiert. Selten noch. Deine Sicht teile ich: Hinter den unbedachten oder blöden Aussagen steckt oft Neid und Sorge, manchmal einfach Unverständnis. Weil Andere wohl tatsächlich keine Vorstellung davon haben, wie man so einen Tag arbeitend Zuhause meistern kann. Undenkbar für Viele.

    Deinen Artikel mag ich, den empfehle ich – gerne!

    Herzliche Grüße,
    Cornelia

    • Liebe Cornelia,

      vielen Dank für diese wunderbare Formulierung!

      Ich denke, genau so wie ich z.B. nicht nachvollziehen, wie es jemandem geht, der das halbe Jahr um die Welt reist (ist sicher auch nicht immer witzig …) oder wie es sich in der Kassa im Supermarkt anfühlt … Nur: deswegen erzähle ich demjenigen nicht, dass er/sie nix arbeitet ;-).

      Und danke für deine Empfehlung!

      Liebe Grüße,
      Claudia

  4. Pingback: 9 Überlebebens-Strategien für dein Home-Office › Abenteuer Home-Office

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